Künstlerisches Manifest des Herrn Hirschhorn


Hirsch heisst ein Mann. Und der Mann bin ich. Ein kapitaler Hirsch. Oder besser: Ein Hirsch mit Kapital! Denn seitdem ich mich künstlerisch frei pinkele bin ich wieder flüssig! Pinkel Pinkel bringt Pinke Pinke!
Ich bin zwar keineswegs gelbgierig, aber wenn der Gelbhahn offen ist, dann muss abgeschöpft werden. Radikal. Bis zur Neige des Wunderhorns!
Denn was wäre ein Hirsch ohne Horn? Hmm? Ohne des Knaben Wunderhorn? Hmm? Ohne den Wunderquell aller Kunst, aus dem alles quillt?
Ein völlig banaler Hirsch mit einer Art geweihtem Christbaum auf dem Kopf.
Nun denken Sie sich denselben hornbewehrt und schon ist die Bio-Logik ausser Kraft gesetzt und der Kunst eröffnen sich ungeahnte Dimensionen.
Angefangen hat der Kampf gegen die Logik der Banalität und die Diktatur der Gemeinplätze vor dreissig Jahren, als Marcel Duchamp ein umgekehrtes Pissoir an eine Museumswand des Louvre gehängt hat!!
Ein Epochen machendes Ereignis. Das auf diese Weise jeden Utilitarismus entblösste Objekt wurde der täglichen Banalität entrissen und zweckentfremdet zum Wahrzeichen der ewigen Revolution des Surrealen erhoben. Durch die Umkehrung des Pissoirs erreichte Duchamp die Umkehrung aller Werte und machte den Zuschauer auf die Ästhetik der Leere aufmerksam. Jawoll, meine lieben Landsleute: Der Leere! Denn wie soll, ich bitte Sie, ein umgekehrtes Pissoir den ihm bestimmten Inhalt auffangen?
Können Sie es sich plastisch vorstellen? Hmm?
Durch Umkehrung seines Benutzers etwa?
Nein, liebe Mitpinkler und Mitpinklerinnen, bei derart revolutionären Umständen hilft der leidgeprüften und überfüllten Blase auch der gewagteste Kopfstand ihres Besitzers nichts.
Und schon wären wir beim ersten Axiom meines kunsthistorischen Exposés angelangt:

Das Fassungsvermögen eines nach unten offenen Loches ist umgekehrt proportional zum Befreiungsdrang des ihm bestimmten Blaseninhaltes!

Doch weiter mit der Hinterfragung der Banalität des Alltags zwecks Transzendierung der Realität:
Wir haben vom überquellenden Quell der Kunst gesprochen.
Und wo ist dieser Quell angesiedelt, wenn ich fragen darf?
Wo ist der spritzende Punkt, der Springquell des Konzeptuellen?
Doch nicht etwa im Kopf, dem Sitz der alles rationalisierenden Ratio!
Auch nicht im Herzen, dieser langweiligen Blutpumpe!
Noch weniger in der schwachbrüstigen Lungenaktivität des modernen Rauchers!
Wo ist der Quell der Kunst, ich frage Sie?
Richtig, in der Blase, jawoll, etwas unter dem Nabel und hoch über dem Fortpflanzungstrieb.
In der Blase liegt der Quell aller Kunst!
Denn Kunst muss fliessen, rauschen, mit goldenem Strahl in die Zukunft weisen.
Und wer verbaut dem Strahl die Zukunft, wenn ich fragen darf?
Wer baut zwischen mir und der Zukunft Mauern auf? Abu-Ghraïb-Schandmauern, die meinen urschweizerischen Euphrat zu hemmen versuchen?
Der diktatorisch gewählte und totalitaristisch volksvertretende Blocher!
Doch er hat gut blochen, dieser Mauerbauer, mein alles begelbigender Rachestrahl wird ihn erfassen und sein antidemokratisches Werk zersetzen.
Denn ich male nicht mit Farben, nicht mit Rosshaarpinsel und Acryl, nein, ich male höchst organisch mit Ammoniak.
Und der Parlamentarier ist noch nicht geboren, der mich meines Pinsels beraubt. Auch nicht für eine Million!
Ständermehr hin oder her!
Denn dieser Blocher, dieser Volkstribun, ist der Auslöser für meinen nie endgültig erschöpften Drang zur Kreativität.
Der Schöpfung dieses Antechristen stelle ich die Ausschöpfung gegenüber!
Weil der antidemokratische Demokrat Blocher wie Duchamps umgekehrtes Pissoir auf mich wirkt.
Beide scheinen in ihrer Absurdität harnlos zu sein, doch ich werde es meinen Miteingegossenen zeigen, dass die Kunst einen strahlenden Sieg über die Schwerkraft zu erringen vermag, wenn sie sich nur anstrengt.
Denn wenn ich Blocher sehe werde ich lupfig, hebt sich bei mir wie durch Wunderkraft das linke Bein.
Und dann… oh dann… dann schiesst die Kreativität hervor und schafft die Schweiz neu. Alle Schleusen öffnen sich und lassen meinen nie versiegende Kunststrom fliessen.
Urin Schiss und Hinterwalden erscheinen in nie gesehenem Licht.
Mit meinem revolutionären action painting stelle ich als Wunderhirschhorn selbst Jackson Pollock in den Schatten der zu berieselnden Abu-Ghraïb-Mauern.
Und schon sind wir beim zweiten und wichtigsten Axiom meiner spritzigen Beweisführung:

Nur wer contra Helvetia pinkelt kann auch wirklich pro Helvetia sein!

Nur wer sich verausgabt, nur wer seine Körpersäfte einsetzt kann erhoffen, durch Entleerung gegen die drohende Leere anzukämpfen.
Das centre Piss… äh Poussepin sei mein Richter! Oder meinetwegen auch Couchepin!
Denn man handle immer auf des Hosenbundes Rat!
Durch die urdemokratischste Handlung der Welt, einer Handlung, die selbst die grössten Päpste und Könige der Weltgeschichte nicht aus der Hand zu geben vermochten, dusche ich alle gleich.
Dadurch wird ein urmenschliches Bedürfnis mittels seiner künstlerischen Einbettung zum Befreiungsakt der geplagten Kreatur und die desinfizierende politische Brisanz zur ultimativen Waffe gegen die Verblochung der Schweiz!
Denn wo liegt die Freiheit, wenn nicht im Mut zu einer alles überschwemmenden Protestataaktion?
Schluss ist mit dem Überfluss der Leere!
Kein Bammel vor dem Pimmel mehr!
Die Mauern liegen nieder!
Die Schweiz öffnet sich wie Duchamps Pissoir der Moderne und alles fliesst heraklitisch in den gestrichen vollen Kanal zurück!
Und neues Leben spriesst aus den ätzenden Resten der zersetzten Bourgeoisie!

Ich weiss, manche nennen mich einen Nestbeschmutzer.
Wie enttäuschend!
Denn ich bin viel mehr als das.
Ich bin kein Nestbeschmutzer, sondern ein Schmutzbenässer, ein Aufweicher des Blocherismus.
Meine politische Aktion führt weit über die Ausstellung hinaus. Ich forme das vom Bepinkeln aufgeweichte Papier von Blochers Porträt zu Kügelchen und teile diese an die Besucher aus.
Dann kann sich jeder beim Heimgehen an der Schweizer Demokratie dumm und dämlich kauen und sie ausspucken, wie sie es verdient.
Nur so ist zu verhindern, dass die Schweizer vor lauter Stolz auf ihr mickriges Land den Mund zu voll nehmen.
Dies, und darauf bin ich stolz, ist mein bescheidener und patridiotischer Beitrag zur Förderung der Schweizer Kultur.
Liebe mitbegossene Eidgenossen, ich danke im Voraus für ihr teures und geduldiges Mitkauen und ganz besonders für die 180 000 Mäuse, mit der pro Helvetia die Katze im Sack gekauft hat.

Thomas Hirschhohn