Kainszeichen und Muttermal

Dir ging es nur um Deinen Nabel,
An meiner Schnur hing ich allein
Als Klümpchen Schleim mit Namen Abel,
Dein Bauch, jedoch, der wollte Kain sein.

Zustatten kam Dir jene Frist,
Die für mich nie verstrichen ist,
Und dass ich völlig unsichtbar
Und sauber zu entsorgen war.

Der Arzt war sachlich, nett, sehr kompetent
Und voll Verständnis für Dein Leid.
Er sagte Dir, dass man sich leicht vom Leben trennt,
Geschieht es nur zur rechten Zeit.

Es kommt zum tödlichen Entscheide,
Ich spür's in allen Zellen: Ich bin dran!
Mein Leben liegt auf Messers Scheide,
Der Todesengel setzt zum Schnitte an.

Ich möchte schrein, in meinem warmen Meere,
Furchtwasser stoss ich aus dabei,
Doch mein Bemühen fliesst ins Leere
Und ich verstumme vor dem ersten Schrei.

Nun strömt das Blut aus meinem Leide,
Umgibt mich neblig, trüb und rot,
Durchfliesst ein letztes Mal uns beide,
Dann bist du frei, und ich bin tot.

Oskar Freysinger