Schafsköpfe

Auf einer grünen Weide lebte eine Herde Schafe. Eines Tages erschien ein Löwe und begehrte, mit ihnen von dem saftigen Grün zu speisen. Die Schafe, die noch nie einen Löwen gesehen hatten, hiessen ihn blökend willkommen und zeigten ihm die saftigsten Orte. Der Löwe bedankte sich höflichst und begann ein lautes Rupfen und Schmatzen vorzutäuschen. Als es Nacht wurde und die Herde vor sich hin döste, riss er ein abseits stehendes Schaf und verschlang es. Am nächsten Tag begab er sich wieder unter die Pflanzenfresser und tat wie am Vortag, um in der darauf folgenden Nacht wieder frisches Fleisch zu verspeisen. So kam es, dass jede Nacht ein neues Schaf verschwand und am Morgen nur mehr die blutigen Spuren auf dem Gras übrig blieben. Die Herde wunderte sich über die geheimnisvollen nächtlichen Morde und begann sich zu fürchten.
Da wendete sich der Löwe an seine Schafsbrüder und eröffnete ihnen, er habe des Nachts einen Wolf um die Weide streichen sehen. Dieser Wolf gehöre zu einer degenerierten und besonders gewalttätigen Minderheit der Raubtiere und sei wahrscheinlich für das bedauerliche Verscheiden ihrer Mitschafe verantwortlich. Wenn sie ihm vertrauten, wolle er diesem Unwesen bald einmal abhelfen, denn obwohl er selber auch zu den Raubtieren gehöre sei er, wie sie ja wüssten, von netter, zivilisierter, vegetarisch eingestellter Art. Ihm liege nichts so sehr am Herzen, als dem wölfischen Terrorismus das Handwerk zu legen, da er auch seinem Ansehen schwer schade. Die Herde blökte bei soviel Selbstverleugnung im Dienste des Allgemeinwohls Zustimmung und Dankbarkeit.
Am nächsten Tag erschienen eine Löwin und ihre Jungen. Der Löwe stellte sie als seine Mitarbeiter vor. Die Schafe waren über die Verstärkung sehr dankbar und bereiteten den neuen Angehörigen der Herde einen triumphalen Empfang.
Doch von diesem Tag an verschwanden, trotz der unermüdlichen Aufsicht der Raubkatzen, jede Nacht mehr Schafe. Der Löwe erklärte, nach Sonnenuntergang lauerten die Wölfe nunmehr in ganzen Rudeln um die Weide herum, sodass er zwar das Schlimmste abwenden, nicht aber empfindliche Verluste verhindern könne. Er werde aber weiter kämpfen, um das Überleben der Pflanzenfresser zu gewährleisten, deren Lebensphilosophie und Essgewohnheiten auch die seinen und die seiner Angehörigen geworden seien. Er legte dabei einen solchen Zorn auf die feigen Wölfe an den Tag, dass die Schafe über soviel Solidarität gerührt waren, dem Löwen den Orden vom goldenen Vlies verliehen und ihn zum Ritter des Löwenzahns schlugen.
Einige Schafsköpfe, die bei der Zeremonie Unruhe stifteten, weil sie Argwohn im Herzen nährten und zu behaupten wagten, die Löwen predigten des Tags Gras und frässen des Nachts Fleisch, wurden überblökt und mundtot gemacht. Es war denn auch eine gerechte Strafe für ihr undankbares und unflätiges Verhalten, dass ausgerechnet sie in der folgenden Nacht das Opfer der Wölfe wurden. Darauf ermahnte ein alter Widder seine Artgefährten, wieder des längst vergessenen Rituals der Fleischhingabe zur Vergebung der kollektiven Rupfschuld zu gedenken und ihre Seelen auf die ewigen Prärieweiden vorzubereiten.
Fortan gaben die Angehörigen des Löwen, die jeden Tag zahlreicher wurden und sich immer besser in die Schafswelt integrierten, weise und fleissig befolgte Anweisungen, um das Überleben der bedrohten Herde zu gewährleisten. So kam es, dass die Schafe, deren Zahl ständig weiter schrumpfte, sich völlig den neuen Regeln unterwarfen und schliesslich unter der Leitung der zahlreichen Löwen sogar lernten, sich des Nachts abzusondern, um ein weniger sichtbares Ziel darzustellen. Die vegetarischen Raubkatzen verordneten auch, dass sich die Schafe zwecks besserer Tarnung eine Mähne wachsen liessen und löwenartig brüllen lernten, was aber nur unbefriedigend gelang.
Die Angehörigen der Herde strömten nun jede Nacht schwachbemähnt und brüllblökend auseinander und kamen des folgenden Tags in immer kleinerer Zahl wieder zusammen, um sich über die Wölfe zu beklagen und den Löwen zu huldigen, in deren Mitte sie bald nur mehr einen kleinen, von gelben Mähnen umgebenen weissen Kern darstellten.
Als es dem letzten Schaf an die Gurgel ging, gab es sein Blut bereitwillig zur Erlösung der Löwen hin, die es so lange vor den unsichtbaren Wölfen geschützt hatten.
Was die Raubkatzen anging, die suchten sich eine neue Schafherde aus und begannen mit ihrer zivilisatorischen Tätigkeit von neuem.