Das Gemälde

El Afar malte seit seiner frühen Jugend. Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, wann er damit angefangen hatte. Aber seit er an jenem, in grauer Vergangenheit verschwimmenden Zeitpunkt, zu Farbe und Pinsel gegriffen und sich vor die Leinwand gestellt hatte, malte er jeden Tag mit unglaublicher Geduld und Hartnäckigkeit.
El Afar war jedoch in keiner Galerie, geschweige denn Museum, bekannt, es gab über ihn keine Rezensionen, niemand hatte den Katalog seiner Werke herausgegeben, denn El Afar war der Maler eines einzigen Bildes, dem er sich mit ganzer Seele verschrieben hatte. Aus diesem Grund reichte sein Ruf nicht über den Rahmen seines engsten Verwandten- und Bekanntenkreises hinaus. Doch bei diesen ihm nahe stehenden Personen wurde reger Anteil an seinem Lebenswerk genommen. Fast jeden Tag schaute eine davon in sein Atelier herein und suchte auf dem Bild die letzten Pinselstriche ausfindig zu machen, um sie gebührend zu loben und zu kommentieren.
Das Bild war nicht grösser als die meisten Gemälde, die man in den Kunstgalerien zu sehen bekommt. Was es aber von allem bisher Da Gewesenen unterschied war der Umstand, dass El Afar alles, aber auch wirklich alles, was ihn betraf, in sein Werk eingefügt hatte. Dies verlieh dem Bild eine ungeheure Dichte und Ausdruckskraft. Trotzdem wirkte es keineswegs überladen. Im Gegenteil. Hatte sich der Blick des Betrachters einmal darin verloren, dann hatte er den Eindruck, in ungeheure Fernen entrückt zu werden. Höchst Eigenartiges gab es dort zu sehen, mannigfaltige Dimensionen zu erkunden. Das Auge des Betrachters wurde nicht müde, dieses ungeheure Labyrinth abzuschreiten und kam doch nie zu einem Ende. Das war auch der Grund dafür, weshalb all jene, die von der Existenz dieses Bildes wussten, immer wiederkamen. Sie konnten sich nicht damit abfinden, das Werk nicht ausgeschöpft zu haben und begannen stets von neuem mit ihrer Erkundung, die sie über die Grenzenlosigkeit des Geschauten immer wieder an ihre eigenen Grenzen führte.
Obwohl El Afar, wie gesagt, seit Jahrzehnten an dem Bild arbeitete, war kein Ende abzusehen. Im Zentrum des Gemäldes, dort wo eigentlich, nach dem Übrigen zu schliessen, ein menschliches Gesicht hingehört hätte, blieb die Leinwand unbemalt. Trotz zahlreicher Versuche war es dem Maler bisher nie gelungen, diese sofort ins Auge fallende Leere zu gestalten. Immer malte er kreisförmig drum herum, näherte sich ihr mit spiralförmigen Pinselbewegungen und musste, aus einem ihm unerklärlichen Grund, auf einmal inne halten. Wäre diese Leerstelle, dieser Schönheitsfehler nicht gewesen, El Afar hätte das Bild sicher vor Jahrzehnten beendet. So aber wurde er immer wieder von dem kleinen Mangel angezogen und blieb dadurch schicksalhaft mit diesem einen Bild verkettet, das ihn nicht mehr loslassen wollte.
Dabei bemühten sich seine Bekannten sehr darum, ihn zur Vollendung des Werkes zu bewegen und ihm in vielfältiger Art dabei behilflich zu sein. Einer kam mit immer feineren Pinseln, der andere brachte ihm ausgefallene Farbtöpfchen, der dritte versuchte es mit Ratschlägen und Skizzen. Ein reicher Mäzen, der von diesem Bild gehört hatte, bot ihm sogar ein Vermögen dafür an, wenn er das Bild zu Ende malte. Doch alle diese Anregungsversuche führten ins Leere. Statt zu helfen, verschlimmerten sie die Lage. Denn die Aufmerksamkeit der immer zahlreicher werdenden Besucher galt immer weniger dem bemalten Teil des Bildes, der doch den überwiegenden Teil der Leinwand ausmachte, um sich umso stärker der kleinen Leerstelle zuzuwenden, die mit der Zeit alle Kommentare auf sich zog.
El Afar konnte bei manchen Besuchern schon eine gewisse Ungehaltenheit über die Unvollkommenheit des Bildes feststellen, was ihn nur noch mehr verkrampfte. Einige nannten ihn hinter seinem Rücken einen Versager, andere begannen sogar an seinem gesunden Menschenverstand zu zweifeln. Es ging sogar soweit, dass manche offen den Gedanken ausdrückten, es müsse die Vervollständigung des Gemäldes durch einen anderen Maler in Erwägung gezogen werden, da El Afar anscheinend die Inspiration abhanden gekommen sei.
Unterdessen malte der Maler trotz des zunehmenden Druckes an seinem Bild weiter. Tag für Tag, wie er es seit seiner Jugend gewohnt war. Malte weiter um die kleine Leerstelle herum, die einfach nicht erschlossen werden konnte.
Um sich vor der Meute der Kritiker zu schützen schloss er sich die meiste Zeit ein und öffnete die Türe nur, um in immer unregelmässigeren Abständen karge Mahlzeiten ins Atelier bringen zu lassen. Je länger die Abgeschiedenheit dauerte, desto scheuer wurde El Afar, desto zurückgezogener lebte er. Mit der Zeit schienen ihn seine schärfsten Kritiker vergessen zu haben. Es gab bald in der Stadt kaum mehr einen, der sich noch an den wundersamen Maler und sein seltsames Bild erinnerte. Es kam denn auch niemand mehr zu Besuch.
El Afar lebte fortan völlig einsam mit seinem Werk und der kleinen Leerstelle, die, obwohl der Druck der Umwelt nachgelassen hatte, nicht kleiner werden wollte.
Eines Abends setzte er sich vor sein Gemälde und betrachtete es lange mit grosser Zärtlichkeit. Diesmal nahm er keinen Pinsel zur Hand. Sass nur da und liess seine Augen über die vor ihm liegende Lebenslandschaft gleiten und gelangte schliesslich zum kleinen, weiss gebliebenen Fleck, der ihn sosehr beschäftigt hatte. Statt aber Bitternis zu empfinden, oder Enttäuschung, vor dem aus diesem Mangel entstandenen Scheitern seiner Künstlerkarriere, wurde er plötzlich von einem Gefühl unsagbarer Dankbarkeit durchdrungen.
Er gelangte zur Erkenntnis, dass sein ganzes Leben, welches er an den Bergen und Tälern, an der Formen- und Farbenvielfalt seines Bildes ablesen konnte, eigentlich aus dieser Leere geflossen war. Dass alles drum herum keinen Sinn machte, ohne dieses unbemalte Stück Leinwand. Und er hatte in seinem Übermut geglaubt, die Quelle, das Wunderhorn, füllen zu können, statt dankend hinzunehmen, womit es ihn in seiner Güte beschenkte! Eigentlich lag der Wert seiner Kunst in dieser Unvollkommenheit, nirgendwo sonst, denn ohne sie hätte alles andere gar nicht entstehen können.
Und da geschah es, dass das von dicken Farbschichten umzingelte Niemandsland sich plötzlich vergrösserte und alles um sich herum auszuwischen, ja aufzusaugen schien. Eine nach der anderen verschwanden die Formen und Gestalten seines Lebens und die Leere, welche hinter allem versteckt gewesen war, breitete sich aus, rollte sein Lebenswerk auf, bis er vor der jungfräulich reinen Leinwand des Anfangs stand. El Afar schloss die Augen und fühlte, wie sich der weisse Fleck nun auch in ihm ausbreitete und begriff endlich, nach all den Jahren vergeblichen Kämpfens, worin die Vollkommenheit bestand.
Als man ihn nach einigen Tagen fand, lag er mit weit geöffneten Augen vor der Staffelei. Sein Gemälde blieb unauffindbar, obwohl man lange danach suchte, um es in ein Museum zu hängen.

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