Das Gleichgewicht


Der Alte ging an zwei Krücken. Sein langer, schwarzer Mantel hing von seinem Buckel herunter wie die Trauer von der Weide. Einem grossen, unbeholfenen Insekt nicht unähnlich, tastete er sich vorsichtig vor, wohl darauf achtend, nicht über irgendein Hindernis zu stolpern und hinzufallen.
Der Junge schlenderte, Kaugummi kauend, die Hände in den Hosentaschen vergraben, den Kanal entlang. Manchmal schoss sein Fuss vor und stiess gegen zerknitterte Büchsen, welche scheppernd über den Rand des Kais ins Wasser plumpsten. Bei jedem neuen Fusstritt erhellten sich die trotzigen und griesgrämigen Züge des Jungen, dessen Punkfrisur sich senkrecht in den Himmel bohrte und dort tiefe Kratzer zu hinterlassen schien.
Als der Junge den Alten bemerkte, erschien plötzlich ein böses Grinsen auf seinem Gesicht. Vergnügt pfeifend steuerte er, nunmehr zielbewusst, auf den schwarzen, spinnebeinigen Mantel zu. Kaum war er bei ihm angelangt, trat er mit dem rechten Fuss kräftig gegen die linke Krücke, so dass diese in hohem Bogen ins Wasser fiel. Einer seiner Stützen beraubt und durch hastige Verschiebung der zweiten Krücke mühsam darauf bedacht, sein prekäres Gleichgewicht zu wahren, schien der Alte zwischen Himmel, Wasser und Erde zu schwanken wie das vom Sturm los gerissene Segel eines Dreimasters.
Dann kam der zweite Tritt des Jungen, der sich dabei köstlich zu amüsieren schien. Da der Alte aber diesmal auf den Schlag vorbereitet war und sich mit vermehrter Kraft an seine Krücke klammerte, schlingerte diese nicht so weit weg und blieb am Rande des Kais liegen. Nunmehr am Boden liegend, kroch der Alte auf allen Vieren mühsam in ihre Richtung, während der Junge amüsiert zusah und wartete, bis er sie fast erreicht hatte. Als sein Opfer jedoch im Begriff war, nach ihr zu greifen, sprang er elegant dazwischen und stiess sie mit gewaltigem Fusstritt ins Wasser. Dabei stolperte er und schwebte, eine unentschiedene Zeitspanne lang, zwischen den Elementen hin und her, bevor er ins ölige Kanalwasser fiel.
Der Alte sah noch die weit aufgerissenen, zwischen Angst und Verwunderung zögernden Augen des Jungen, dann war er weg.
Von einer schrecklichen Ahnung erfasst kroch der Alte an den Rand des Kais und sah zum Kanal hinunter, wo der Junge wie ein im Netz gefangener Thunfisch im Wasser zappelte. „Hilfe“! Gurgelte er dem Alten entgegen, „ich kann nicht schwimmen“.
Das vor kurzem Geschehne vergessend beugte sich der Alte so weit wie möglich vor und streckte den hilflos herum planschenden Armen seine Hand hin. Er konnte aber nichts ausrichten, die Mauer war zu hoch. Es hätte eines Stockes bedurft, oder einer Krücke, um den Ertrinkenden zu retten.
Verzweifelt musste der Alte zusehen, wie die Bewegungen des Jungen immer schwächer wurden und er schliesslich im Wasser verschwand.
Sein Körper sank ganz langsam bis auf den Boden des Kanals, wo er genau zwischen die beiden Krücken zu liegen kam.
Doch wer geht schon mit Krücken am Grunde des Kanals spazieren?

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