KULTI-MULTI STATT MULTI-KULTI
Gelobt
sei nicht mehr das Sakrale, sondern das Fökale, wie in Jelineks Theaterstück „Raststätte“,
wo die Leute gar nicht soviel haben essen können, wie sie
afterwütig herumklecksen!
Gelobt
sei das hirschhörnige Gepinkel, das
als subventionierter Goldstrahl auf das Abbild eines unserer Bunderäte
herunterrieselt!
Hoch
gelobt sei die Verwandlung des Christkindes in der Krippe in
einen geflügelten und hasenäugigen Fötuskopf
im trüben Formol des Berner Kunstmuseums!
Gebenedeit
sei der erigierte Phallus in der Tannhäuser-Vorstellung
des „Grand théâtre de Genève“ als
Beweis für die moderne Erhebungsfähigkeit!
Dort,
wo der erigierte Phallus als Hebel angesetzt wird, kann die Welt
endlich aus den Fugen gehoben werden! Der neue Kunst tragende
Atlas braucht keine Arme mehr, um selbst tragend vom Staat subventioniert
zu werden, nein, er nährt seine Inspiration
mit dem Viagra der Sensationslust und schwänzelt sich viril
durch den Tempel des modernen Kunstschaffens.
Da die
Kunst jede Distanz zur Wirklichkeit aufgibt, weil diese Distanz
neuerdings nicht mehr als Chance, sondern als Einschränkung empfunden wird, verliert sie ihren Symbolgehalt
und wird zur Sache selber. Beim Genfer Tannhäuser geht sie
sogar zur Sache und wird pornographisch, da sie nicht mehr über
sich hinausweist, wie das auch in der Pornographie der Fall ist,
wo die Genitalien sich selbst zelebrieren und sich nicht mehr in
den Dienst eines transzendenten Liebesbegriffs einfügen lassen.
Universelle
Promiskuität macht sich breit,
zwischen Körpern, wie auch zwischen Kunst und Wirklichkeit,
deren Verhältnis nur noch durch verschiedene Spielarten von
Perversionen bestimmt wird.
Da die
Kunst nicht mehr über sich hinaus
weist, nicht mehr Symbol für das Unfassbare, uns Übersteigende
ist, kompensiert sie den Verlust der Entdeckung neuer Dimensionen
durch Sensationslust im materiellen Bereich. Um der blutleeren
Leiche die Illusion von Leben einzuflössen, wird sie mit den
Farben des Skandals grell geschminkt. Nun müssen echte Erektionen
auf die Bühne, muss echt gekotzt, echt gebumst, echt gemordet
werden. Und ins museale Formol muss ein echter Fötus rein,
um die Perversion des modernen Kindesmordes so wirklichkeitsnah
wie möglich zu gestalten. Dass die Kunst dabei zur Hure der
Wirklichkeit verkommt und sich der allgemeinen Perversion einverleibt,
das will keiner wissen. Einzig zählt der lustvolle Ablauf
eines makabren oder perversen Ideals, das unter dem Vorwand der
Ausdrucksfreiheit zur neuen Religion hochstilisiert wird.
Damit
wäre das neoreligiöse Umfeld abgesteckt,
in dem moderne Kunst sich abspielt:
Jenseits
aller Grenzen, Einschränkungen,
jenseits jeder Dezenz, in der fröhlichen Vermanschung des
Künstlerischen mit dem Wirklichen, der kritischen Distanz
mit der Perversion selber.
Die
Hohenpriester dieser neuen Religion dulden keine Kritik, denn
sie sind die Verkörperung des letzten Stadiums
jeder Kritik, dort wo sie zur institutionellen Gutdenkerei wird,
die unter den rosa Schwaden von Toleranz und Offenheit höchst
multikulturell in die offen gelegten Hirnreste der modernen Bourgeoisie
hinein träufelt.
Da die
moderne Kunst sich bemüht, die marode
gewordene Religion der verknöcherten Altchristen, Inquisitoren,
Opus Deisten und anderer Papisten zu ersetzen ist es nur billig,
und anderseits auch teuer, dass die Kirchensteuern in Subventionen
für die Multikulti-Priester des Kreativen umgewandelt werden.
Denn Kunst hat ja keinen Preis, nicht wahr.
Es geht
den Kulturschaffenden zwar keineswegs ums Geld - wo denken Sie
denn hin - insbesondere nicht um das Geld jener Kapitalisten,
die sie zum Dank für ihre Freigebigkeit
anpinkeln, anrotzen, voll kotzen und höchst künstlerisch … bescheissen.
Nein, es gut um viel mehr: Um Freiheit und Entgrenzung.
Die
Freiheit liegt aber für die modernen
Kunstbeamten eben darin, sich keine Beschränkung aufzulegen.
Denn nur dort, wo alles möglich ist, sind Spiessbürgertum
und Fremdenhass nicht mehr möglich. Wo alles möglich
ist, sind nur mehr Öffnung, Toleranz, Gleichheit und Brüderlichkeit
möglich. Das Gute obsiegt, das Böse wird unmöglich
gemacht.
Und
die ganze Übung wird als Ausdruck der
künstlerischen Freiheit gepriesen. Endlich ist der Mensch
frei, nur mehr gut zu sein, im Sinne des Kanons der politisch korrekten
Mehrheitsmeinung, die so tut, als wäre sie in der Minderheit
und müsste gegen eine Übermacht von Hitler- Pinochet-
oder Francofiguren den letzten Rest demokratischer Freiheit verteidigen.
Da werden
Skinheads und Neonazis bemüht,
damit die künstlerisch tätigen Gutmenschen mit entrüsteten
Pinseln und Federn gegen die Barbarei ins Feld ziehen können.
Und
welches ist das Ziel dieser Freiheitsübung?
ENTGRENZUNG, also Kampf gegen jede Grenze, gegen jede Einschränkung.
Doch Grenzen kriegt man nur weg, wenn man alles
gleichmacht.
Und gleichmachen kann man die Kulturen und Menschen
nur, wenn man alles vermischt und vermanscht.
Deshalb muss das Multikulturelle her!
Das
eintönig Bunte!
Das
vielfältig Ähnliche!
Doch
wie soll sich, wo alle Unterschiede aufgehoben sind, das ewig
Menschliche, das Einmalige und Individuelle ausdrücken?
Wie
soll noch Toleranz möglich sein, wo alles
gleichgemacht wurde? Ist die Toleranz für das ewig Gleiche überhaupt
noch Toleranz oder ist sie nicht eher Selbstzelebrierung der eigenen
Leere mit Hilfe des anderen, der nicht mehr anders ist, weil er
genauso leer geworden ist wie ich selber?
Wie
soll in der Vermarktung des Künstlerischen
und in der Verbeamtung der Künstler verhindert werden, dass
die Vielfalt zur Einfalt wird?
Wie
soll das Leben noch Profil haben, wenn in der allgemeinen Abflachung
Beethovens Symphonien wie Gurkengläser
und Bierbüchsen wie Kultobjekte verkauft werden?
Wie kann sich der Mensch erheben, wenn er den
Himmel weggewischt hat?
Wie
ist noch Entgrenzung möglich, wenn es
keine Grenzen mehr gibt? Was soll dann noch überschritten
werden? Welche Tabus sollen noch gebrochen, welche Neuländer
gewonnen werden, wenn es keine Grenzen mehr gibt?
Ist
dann der Mensch nicht gezwungen, längst Überwundenes
neu zu bemühen, um sich noch die Illusion zu verschaffen,
etwas zu überwinden?
Längst besiegte Gegnerschaften und vor Ewigkeiten
gelöste Probleme werden zu neuem Leben erweckt, um die grassierende
Profil- und Perspektivlosigkeit der Postmoderne zu vertuschen.
So kommt es, dass die in ihren bürgerlichen Führungspositionen
grau und glatzig gewordenen 68er krampfhaft darum bemüht sind,
sich der Illusion hinzugeben, dass sie sich immer noch mit Blumen
in den Haaren im Schlamm von Woodstock wälzen und dass ihre
schlaffen Kamasutranachahmungen im bourgeoisen Federbett immer
noch einen Protest der Liebe gegen irgendeinen Krieg im Irak oder
im Afghanistan darstellen.
Make love, not war!
Viagra statt Napalm!
Daneben
wird in rührseliger Selbstgefälligkeit
ein Kunstschaffen subventioniert, das den verkappten Revolutionären,
Anarchisten und Guevaristen den wohltuenden Eindruck vermittelt,
dass die alten Kämpfe noch immer aktuell, die längst
zerschlagenen oder durchsichtig gewordenen Tabus immer noch ein
Hochsicherheitsgefängnis darstellen, das geschleift werden
muss.
Dabei
geht die moderne Kunst an ihrer eigenen Epoche vorbei, verpasst
die Zeit, die sie hervorbringt und frönt
nur noch der Nostalgie einer längst geschlagenen Schlacht.
Echte Herausforderungen werden nicht wahrgenommen, Andersdenkende
werden im Namen der Toleranz ausgegrenzt und Erneuerer ignoriert.
Zur
selben Zeit werden jedoch neue Tabus geschaffen, neue Gedankengefängnisse. Das Amorale wird zur Moral erklärt,
die Konsumwut zur Freiheit und die sexuelle Perversion zur neuen
Religion.
Alles,
was nicht dem Kanon des künstlerischen
Pseudowiderstandes gegen die reaktionäre Gewalt der Bourgeoisie
entspricht, wird disqualifiziert und über den Pranger der
Medien salonunfähig gemacht. Denn in den Salons haben sich
jene Kaviarsozialisten, schwulen Schöngeister und dekadenten
Gesinnungslumpen breitgemacht, deren unversöhnbarer Hass jenem
Normalbürgerlichen gilt, das auf perverse Weise ihr eigenes
Schicksal geworden ist.
Ihr
Hass gegen die letzten reaktionären Bastionen
ist im Grunde genommen Selbsthass.
Ihr
krampfhaftes Enttabuisieren mündet in
der Schaffung zahlreicher innerer Tabus.
Ihre Entgrenzung in der Schaffung einer kalibrierten
Einheitswelt, einer monomanen Illusion.
Ihre
gezwungene Solidaritätseuphorie ist
nur mehr Kompensation für den Verlust einer transzendenten,
persönlichen Liebeserfahrung. Wer unfähig ist, seinen
Nächsten zu lieben, begnügt sich halt mit dem Fernsten.
Indem
sie dieser Frustrationspalette einen artistischen Schein verleihen,
geben sich die Dekadenten der Illusion hin, sie stünden im Dienste von etwas Höherem. Doch Schöngeisterei
ersetzt das Schöne nicht, Künstelei ist keine Kunst,
gegenseitiges Schulterklopfen denkfauler Gleichdenker keine Gewähr
für Qualität.
Die
weiche Diktatur der modernen Intelligentia heisst Konsens. Aus
Angst vor der Konfrontation mit allem, was noch Zähne zu zeigen wagt und sich furchtlos dem Kampf gegen
Gemeinplätze, Gutdenkerei und Schönrednerei stellt, wird
ein künstlerischer Friede verordnet, der eine hoch subventionierte
Neomoral zu zelebrieren hat. In diesen modernen Kunstgefilden wird
also Frieden geschlossen, bevor überhaupt ein Konflikt entstehen
kann. Vorbeugend, gewissermassen. Prophylaktisch.
Die
Debatte darf nur noch konfliktlos sein. Denn der Feind ist ja
sowieso nur mehr ein Schatten an der Wand, mit dessen Hilfe man
sich höchstens dem angenehmen Schauder einer
virtuellen Gefahr hingibt.
Arme
Kunst: Keine Gegner mehr, nichts Andersartiges mehr, aber jede
Menge Birchermüsli, also Multikulti-Eintopf,
und jede Menge Subventionen zur Belohnung für den unschätzbaren
Beitrag, den die moderne Kunst zur Schaffung einer offenen, vorurteilsfreien,
absolut toleranten Gesellschaft leistet.
Hurrah,
es geht wieder aufwärts mit uns!
„Brave
new world“ ist
angesagt. Freude herrscht und ist Pflicht für jeden
modern denkenden, aufgeschlossenen, konstruktiven Menschen.
Dazu
ertöne die Hymne der blökenden
Lämmer, begleitet vom grellen Flimmern der immer matteren
Scheiben und den Lustschreien der Pflichtorgasmen.
Multi
frisst Kulti und besetzt mit seinen Ablegern jedes erreichbare
Bewusstsein zwischen Big Mac und Coca Cola. Die Welt wird einfach,
das Gute wird in Pillen verabreicht, das Böse
aus dem Wörterbuch gestrichen.
Nun sind alle gut und happy.
Die
wenigen, die sich noch verzweifelt an ein Kulti-multi-Konzept
festkrallen, also an Unterschiede, Eigenheiten, Wurzeln, Tiefe,
ersaufen im lauwarmen Dahingleiten der vor sich hin dämmernden,
mit dem Strom schwimmenden Fische.
Ein Paradies steigt aus den Ruinen der Vergangenheit,
doch der Mensch ist am Ende seiner Geschichte, seiner Kultur, am
Ende seiner selbst.
Dabei
ist er sich gar nicht mehr bewusst, dass der scheinheilige Friede
zwischen Himmel und Hölle auch unter
Begleitung der süssesten Geigentöne und umrahmt von den
dekorativsten Barocken Voluten Wüsten hervorbringt, tausend
Wüsten, kalt und stumm, wie es Nietzsche in einem seiner schönsten
und tragischsten Gedichte bedauernd ausdrückt.
Oskar Freysinger
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