Die Weltwoche; 18.11.2004; Nummer 47; Seite 8 Diese Woche Literatur

Oskar und Allah
SVP-Nationalrat Freysinger gibt den Schriftsteller. Erbarmen!
Die Walliser gelten als selbstzufriedene Binnenregiönler bar jeden Interesses am Geschehen ausserhalb ihres von hohen Bergen umzingelten Kantons. Aber halt, das stimmt nicht ganz dieser Tage kommt aus dem Wallis ein Stück Schweizer Literatur, dem man die Tendenz ins Internationale, ja Universale attestieren muss. Die Kurzgeschichtensammlung «Brüchige Welten» aus dem Rotten-Verlag handelt zu einem guten Teil von fremden Ländern. Und von der dort waltenden Gewalt.
Den Willen zur pompösen Krudheit: Dieses eine Talent kann man dem prominenten Politiker, der die Short Storys vorlegt, nicht absprechen. Da ist die islamisch geweihte Kugel, die darauf harrt, «den Raum aufzuschlitzen und Allahs alles durchdringendes Wort in den Unglauben zu schleudern». Da ist der russische Soldat, der eine Tschetschenin vergewaltigt: «Er goss seinen Samen in das Weib, als wollte er durch sie hindurch das weite, gefährliche Land befruchten.» Da ist in solchen Passagen konsalikt es auffällig im Text Zuleima, eine Frau im Reich der Taliban, die nach dem Kriegstod ihres Mannes unter einem erotischen Defizit leidet: «Seitdem verdurstete ihr blühender Körper unter der Burka und sehnte sich danach, den Kreis der Einsamkeit zu durchbrechen.»
Zuleima tut sich kompensationshalber mit Meena zusammen. Doch die beiden Frauen werden entdeckt, und Zuleima wird gesteinigt. Meena, die Übriggebliebene, rächt sich an ihrem bigotten Gatten, der sie verriet. Ein Täuschungsmanöver: «Statt ihm ihr Geschlecht anzubieten, leitete sie sein Glied zu ihrer unreinen, von der Scharia streng verbotenen Öffnung, die sie vorher geduldig mit einem polierten Holzstück und etwas Tierfett ausgeweitet hatte.» In der Tat wird der genarrte Gulbuddin wegen islamwidrigen Analverkehrs umgehend verhaftet und entmannt sich.
«Die Tage zogen sich dahin, rollten sich ab wie ein endloser Fusslumpen»: Auch diesen Satz (der das Gefangenenleben in Stalins Gulag beschreibt) hat Oskar Freysinger zu verantworten. Der SVP-Nationalrat, 44, will weiterhin ein Dichter sein trotz des vernichtenden Echos von 2002, als er mit dumpfzotigen Versen am Parteitag im Aargau nur Ärger erntete. Kommentar Freysingers, der an einem Sittener Gymnasium Deutsch unterrichtet, zu dem Erzählband: «Im verbalen Bereich bin ich Perfektionist. Solange die sprachliche Formulierung bei der Lektüre nicht völlig natürlich fliesst, feile ich daran herum bis zum Umfallen.»