SCHÜLERAUFSATZ
Mis Wallis
Das Wallis ist ein langer Schlauch, der von Gletsch nach Sankt Gingolph reicht. Oben in Gletsch kommt das Wasser sauber in den Rotten und unten kommt es als Abwasser bräunlich in den Genfersee. Darum mögen die Waadtländer die Walliser nicht so sehr.
Das Wallis ist aufgeteilt in die Sonnenberge, wo im Sommer der Wein reift, und die Schattenberge, wo im Winter der Reif blüht und jene Leute wohnen, die sich vor dem Ozonloch schützen wollen.
Es wird oft vom Walliser Röschtigraben gesprochen, der hier Raspillegraben heisst, aber ich habe ihn persönlich noch nie gesehen, ausser in der Zeitung, wenn wieder mal eine Abstimmung war.
Dieser Graben trennt theoretisch jene Leute, die französisch sprechen, von denen, die gerne Deutsch sprechen würden, aber aus geschichtlichen Gründen zu einem Dialekt gekommen sind, der "Oberwallisertitsch" genannt wird und vor dem sich selbst die Üsserschwiitzer oder "Grüezini" fürchten.
Die Welschen verstehen die Oberwalliser nicht und umgekehrt und deshalb kommen sie so gut miteinander aus, weil sie nur hören, was sie nicht zu verstehen brauchen und nur verstehen, was sie nicht hören wollen. Zum Glück können beide nicht englisch, sonst wärs mit dem Frieden vorbei.
Die Oberwalliser denken übrigens von den Unterwallisern, sie seien nicht seriös und diese denken von den Oberwallisern, sie seien schlimmer als die Schotten, denn für jeden Rappen Steuergeld, der vom Oberwallis nach Sitten fliesse, müsse das dreifache im Oberwallis investiert werden.
Wenn man im Wallis von Süden und Norden spricht, so ist das kein geographisches Gespräch, sondern eine Diskussion über Autobahnvarianten im Oberwallis. Sollte der Kampf verlaufen wie 1861 in den Vereinigten Staaten, so wird der Norden gewinnen. Aber die Südvariante kämpft immer noch erbittert um ihr Überleben.
Im Wallis gibt es seit einigen Jahren immer weniger Schikanonen, dafür aber umso mehr Schneekanon, weil die Zürcher mit ihrer Industrie das Klima erwärmen und unsere Slalomfahrer doch nicht auf Gras fahren können. Darum gewinnen die Österreicher in letzter Zeit alle Rennen, denn bei ihnen gibt es keine Zürcher und also noch jede Menge Schnee.
Zur Strafe dafür, dass die Zürcher uns den Schnee versauen, hat Gott ihnen viele Banken und wenig Sonne gegeben. Uns Wallisern hingegen hat er wenig Geld, aber dafür den blauen Himmel geschenkt. Und ab und zu eine Dosis Subventionen aus Bern, wenns nicht mehr anders geht.
Im Wallis gibt es ebenso viele Politiker wie Einwohner, nur können sie nicht alle zur selben Zeit regieren, also verteilt sich das Parlament über die Wirtshäuser.
Lange Zeit kämpften im Wallis nur die Chinesen gegen die Neger, das heisst die Gelben gegen die Schwarzen. Nun wirds interessanter, weil noch andere mitspielen wollen: Die Rothäute, die grünen Müeslifresser, die das Wallis in einen Alpenzoo verwandeln möchten, die Radikalen, die Liberalen, die am Aussterben sind und seit einiger Zeit die Agrarier, die man gar nicht gern mag, weil sie immer genau das sagen, was die anderen nicht hören wollen. Die Agrarier sind stark im Kommen, weil sie bodenständig sind. Aus Angst davor singen die Rothäute um ihre Lagerfeuer immer lauter, mit erhobener Faust, die gar nicht bodenständige Internationale. Völker, hört die Signale…!
Scheints hat das Volk ihre Signale doch nicht gehört!
Um das Monopol nicht zu verlieren, machen die Neger und die Chinesen im Wallis seit 150 Jahren gemeinsame Sache und haben immer noch die absolute Mehrheit im Parlament. Wenn irgendwo auf einer Alpwiese ein gelbschwarzes Parteitreffen stattfindet, dann sehen die Kosmonauten vom Weltraum aus so etwas wie eine grosse Wespe an den Bergen hängen: Schwarz-gelb, schwarz-gelb und zur Abwechslung schwarz-gelb.
Im Grossen und Ganzen ist das Wallis vertikal organisiert: Man kann sich gar nicht verlieren, denn alles landet unvermeidlich unten im Tal: Die Schifahrer, der Schnee, das Wasser und sogar die Steine. Uns ist das wurscht, es bringt Subventionen, weil die Deutschschweizer Touristen in den Ferien saubere Strassen wollen und gern dafür bezahlen.
Probleme gibts bei der vielen Vertikalität nur beim Bau von Tennis- und Fussballplätzen. Heimvorteil hat der, welcher oben anfängt und den Föhn im Rücken hat. Zum Ausgleich werden dann aber nach der Halbzeit die Seiten gewechselt. Leider landen auch die Bälle meistens unten im Tal und verstopfen den Rotten, der dann ab und zu böse wird.
Der wichtigste Sportverein im Wallis ist der FC Sitten. Auch er ist vertikal organisiert: Spielerisch oben und finanziell unten. Ein Schwarzer, und das ist jetzt nicht politisch gemeint, also ein Schwarzer aus Afrika, hat ihn aufgekauft. Er ist aber sehr enttäuscht und möchte weiterverkaufen, weil er inzwischen gemerkt hat, dass seine heimatliche Savanne leichter zu bewirtschaften ist als der Walliser Finanzdschungel.
Sonst gibt es noch eine andere Sportart, in der die Walliser Weltmeister sind: Im Löchergraben: Lötschberg, Simplon, Furka und Leukerbad heissen die tiefsten Löcher im Wallis. Das Badner Loch wurde übrigens von vielen Schweizer Gemeinden enthusiastisch unterstützt. Nun hat ein Deutscher den ganzen Rummel aufgekauft.
Das ist eben die neue Globalisierungstechnik: Die Länder treten stückchenweise dem Ausland bei, wenn ihnen das nötige Kleingeld fehlt, um unabhängig zu bleiben.
Zum Glück ist die Schweiz vorerst noch durch das Bankgeheimnis geschützt. Das bringt doch noch etwas kleingeld.
Im Wallis gibt es aber kein Bankgeheimnis, weil alle Banken in Zürich sind und die Walliser Finanzen sowieso ein Geheimnis sind, das die Leute nicht wissen wollen, weil ihnen sonst Angst und bange wird.
Sonst sind die Walliser glückliche Menschen. Wenn keiner ihren Wein kauft, trinken sie ihn selber. Ansonsten hamstern sie grosse Reserven von Trockenfleisch, Roggenbrot und Alpenkäse aus der Eigenproduktion, denn man weiss nie, die Migros und die Coop könnten ja dichtmachen.
Den Fremden gegenüber ist der Walliser sehr, sehr misstrauisch. Besonders wenn sich so ein fremder Geuch aus Guttet in Feschel verliert. Bei 70 Stimmbürgern in der Gemeinde fällt das halt sofort unangenehm auf.
Wie dem auch sei, jedes Jahr werden Hunderttausende aus aller Welt immer wieder ins Wallis gelockt, man nennt sie Touristen, und bringen uns gegen Sonne und Schnee die nötigen Devisen, damit wir Walliser in die Karibik fahren können.
Nun muss ich aber Schluss machen, mit dem Aufsatz, denn der Lehrer hat gesagt, wir sollten nicht zuviel schreiben, sonst müsse er zuviel korrigieren.
Ich beende also meinen Text mit der Feststellung, dass ich gerne im Wallis lebe, weil ich dort geboren bin und weil die Berge mir klare Grenzen setzen, die den Flachlandindianern in Holland zum Beispiel fehlen.
Und wenn die anderen Kantone auch von unten auf uns herabschauen, so bin ich doch stolz darauf, ein Walliser zu sein, weil wir wenigstens Profil haben und es im Walliser "Wild West" niemandem langweilig wird, auch mir nicht, denn ich bin risikofreundlich.
Ein unbekannter Schüler
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