Zuerst erscheint der
Mann in der Küche. Klein, gebückt, die zwei Augenschlitze
in den Gesichtsfalten verloren, was dem Gesicht etwas Mauerhaftes
verleiht. Von unzähligen Ritzen getrennt starrt Urgestein blind
an Urgestein und nur in den Spalten scheint dunkles Leben zu hausen,
eidechsenhaft und flüchtige Schatten auf die Oberfläche
werfend. Denn dieses Leben ist nur mehr nach Innen gekehrt, geistert
durch finstere Gänge und verzischt in irgendeinem versunkenen
Vulkanherd, dessen zähflüssiger Lavasee sich tief drinnen
ausschwelt.
Der Ursteinige schlurft zum Holzofen, knüllt Zeitungspapier
zusammen, legt ein paar Holzspäne drauf und ein kleineres Scheit.
Dann flammt ein Zündholz auf, wirft flackernde Schatten auf
das faltige Gesicht. Das Papier beginnt zu brennen, gibt die Flammen
weiter an die Späne. Das Holz beginnt zu knistern.
Der Mann steht eine zeitlang regungslos dabei, dann schliesst er
die Türe des Herds und beginnt in den Schubladen und Wandschränken
zu kramen, stellt Brot, Konfitüre und Butter auf den Tisch.
Als Nächstes kommt eine Pfanne mit Wasser auf das Feuer.
Dann setzt er sich, schneidet ein Stück Brot ab und beginnt
gedankenverloren und lautlos zu kauen.
In der sich langsam erwärmenden Luft um ihn herum scheinen
sich die Bewegungsabläufe und Handgriffe verfestigt zu haben,
die seit Ewigkeiten jeden neuen Morgen seines ewigen Lebensabends
einleiten. Auch auf den groben Dielen des Fussbodens ziehen sich
die Spuren eines Rituals hin, das den Raum irgendwie zu verdichten
und abzugrenzen scheint.
Vor langer Zeit einmal war dieses Ritual noch offen, gab es noch
Variationen im Handlungsablauf, hatte sich das Hantieren im Morgengrauen
noch nicht zur Gewohnheit gefestigt.
Das war, als sie noch zu zweit des Morgens in der Küche hausten
und der Raum nicht erstarren konnte, weil ein Körper auf den
anderen Rücksicht nehmen und auf unvorhergesehene Fehlschritte
oder Kehrtwendungen, leichte Abweichungen und unberechenbare Vorfälle
wie das Verschütten von Kaffe oder das Fallenlassen einer Brotschnitte
gefasst sein musste, wenn einmal eine Hand die andere nicht fand.
Aber das lag so weit zurück, dass sich der Greis gar nicht
mehr daran erinnern konnte, wie das war, wenn eine Tasse am Boden
zerschellte oder die Milch überlief.
Damals, als einer noch am anderen vorbei musste, den anderen manchmal
streifte, als eine Hand noch die andere suchte und die Blicke noch
nicht verloren waren oder nach innen gerichtet, sondern am Gegenüber
Feuer fingen, da hatte sich die Morgendämmerung noch bewegt,
hatte jede Bewegung einen Luftzug erzeugt, der die Wange streichelte
oder durch die Haare wehte wie eine sanfte Brise.
Was war geschehen?
Der Alte konnte keine Antwort darauf finden, weil er mit der Zeit
auch gelernt hatte, sich die Frage nicht mehr zu stellen.
War überhaupt etwas geschehen?
Es schien im Gegenteil eher so, als ob sich das Nichtgeschehen langsam
eingefressen hätte in den Küchenraum.
Allmählich hatten sich die Bewegungen der beiden Körper
nicht mehr aufeinander abgestimmt, waren die Worte verstummt, die
Blicke erloschen.
Mit der Zeit hatte die sich ergänzende Liebe zwischen ihm und
seiner Frau nachgelassen und war schliesslich völlig verloren
gegangen.
Es war nicht einmal richtig gestritten worden, in dieser Zeit.
Doch statt EINER Choreographie gab es nunmehr deren zwei, die sich
nicht mehr ergänzten, sondern parallel zueinander verliefen.
Hass kam wohl manchmal auf, wenn eine Parallele aus Unachtsamkeit
an die andere rührte, aber sonst herrschte eher Gleichgültigkeit.
Der Partner war zwar noch da, bestimmte den nicht mehr gemeinsamen
Ablauf des gemeinsamen Tages, ging aber nicht mehr mit den Bewegungen
des anderen mit, sondern entwickelte sich in stummer Opposition
zu ihnen. Das Leben im Haus glich immer mehr einem Yin- und Yangsymbol
ohne das helle oder dunkle Auge in der entgegen gesetzten Schwarz-
oder Weissfläche.
Wie lange dieser Prozess gedauert haben mochte und wie viel Zeit
seither vergangen war hatte keine Bedeutung. Sowie es auch keine
Bedeutung mehr hatte, ob die beiden Alten in ihrem Haus eher glücklich
oder unglücklich waren.
Wahrscheinlich befanden sie sich jenseits solcher Konzepte, in einem
durch fixe Regeln, auf Konventionen und kleine Gewohnheiten beschränkten
Raum, in dem verbissen um Millimeter gekämpft wurde, denn grosse
Verschiebungen konnte es darin genauso wenig geben wie in einem
erstarrten Grabenkrieg. Wäre einer der Kämpfer ausgeschieden,
dann hätte der andere wahrscheinlich auch nicht mehr weiterleben
können, da ihm die parallele Existenz gefehlt hätte, die
der Seinen durch ihren gewohnten Verlauf ihre Stütze gab. Auch
der Verbleibende wäre urplötzlich verschwunden wie ein
Schatten, dem das Licht abhanden gekommen ist.
Doch noch sitzt der Alte
in seiner Küche. Und seine bessere Hälfte wartet in ihrem
Zimmer, dass er das Feld räumt, um ihrerseits ihrem Ritual
frönen zu können. Denn um die morgendliche Küche
und das Herdfeuer hat sich mit der Zeit der Kern des kalten Ehekrieges
herausgebildet, ohne dass je ein Wort darüber verloren worden
wäre. Wie zu Urzeiten, als sich das fellbedeckte Höhlenvolk
um den kostbaren Feuerschein scharte und dort alles aushielt, was
nicht ausgetragen werden konnte.
Dieses Ritual folgt unerbittlich einem ungeschriebenen Gesetz, welches
festlegt, dass der Mann, der immer schon früher aufstand, zuerst
in die Küche geht, Feuer macht, sich Kaffee kocht und frühstückt,
dann den Tisch abräumt, ihn sauber abwischt und schliesslich,
als wichtigste Handlung im Zeremoniell, das Feuer löscht, indem
er einen Krug Wasser darauf schüttet. Dann verlässt er
den Raum und die Frau erscheint nun ihrerseits, um ein dem seinen
fast aufs Haar gleichendes Ritual zu vollziehen.
In dem Haus ist seit einer Ewigkeit kein Tag angebrochen, an dem
einer der Partner seinen Teil vernachlässigt hätte, selbst
bei Grippe oder Gipsbein. Denn um nichts in der Welt hätte
einer dem anderen den geringsten Vorteil in der Küchenbenutzung
gewährt. Das dadurch entstandene Ungleichgewicht hätte
ja die Grundfesten des stummen Zweikampfs erschüttern können
und womöglich zur juristischen Scheidung der beiden geführt,
was unvermeidlich bedeutet hätte, dass einer das Haus verlassen
musste.
So aber konnte es nicht zum Bruch kommen, denn beide achteten mit
letzter Energie darauf, dass alles im Lot blieb, obwohl nichts im
Lot war.
Auch an diesem Morgen
scheint alles wieder nach dem üblichen, stets unentschiedenen
Kriegsplan zu verlaufen.
Der Alte steht, nachdem er sich schweigend und blickverloren durch
den Kaffee geschlürft hat auf, räumt den Tisch ab und
vergisst - ist es Vergesslichkeit, Provokation oder ein Friedensangebot
- das knisternde Feuer mit einem Schwall Wasser zum Schweigen
zu bringen. Er geht einfach hinaus, der Alte, ohne sich weiter um
den Herd und die mit dem ungelöschten Feuer zusammenhängenden
Folgen zu kümmern.
Kurze Zeit später tritt die Frau herein. Sie ist noch krummer
als ihr Gefährte, noch faltiger unter den schlohweissen Haaren,
die sauber gekämmt in einen Zopf münden.
Als sie vor dem Herd steht, stutzt sie plötzlich. Alles an
ihr scheint minutenlang zu erstarren, bis ein leichtes Zittern,
das sich von ihrem Nacken aus an den ganzen Körper weitergibt,
anzeigt, dass noch Leben im geschrumpften Frauenkörper schwelt
und dieser bald zur Tat schreiten wird.
Und so ist es auch: Das Weiblein gibt sich einen Ruck, füllt
mit einer hektischen Bewegung Wasser in eine Pfanne und giesst sie
auf das Feuer, das zischend seine Glut aushaucht.
Dann nimmt sie, wieder ruhiger geworden, Zeitungspapier, knüllt
es zusammen, legt ein paar Späne und ein Holzscheit drauf und
hält behutsam ein brennendes Streichholz an das Papier, das
hell aufflammt.
Nachdem sie gefrühstückt hat, reisst sie einen Zettel
aus dem Kalender, legt ihn auf den Tisch und schreibt in fein säuberlichen,
wenn auch zittrigen Buchstaben: „Lösch gefälligst
beim nächsten Mal dein Feuer aus, damit ich meines anzünden
kann!“
Dann verlässt sie würdevollen Schrittes und mit Siegermine
den Raum.