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Die literarische Betrachtung von Oskar Freysinger
Meine Damen und Herren !
Liebe Gäste!
Wenn einer Person heute Abend
Dank gebührt, dann ist es sicher Philipp Mengis, seines Amtes Verlagsleiter
des Rottenverlags.
Tollkühn hat es sich dieser kompromisslose Verfechter des geschriebenen
Worts in den Kopf gesetzt, sich mit dem Freysingerschen Schreibteufel
an denselben Tisch zu setzen und von dem in dessen Teufelsküche präparierten
literarischen Pilzgericht zu speisen. Dazu hat er sich mit einem langen
Löffel namens Armin Karlen ausgerüstet, dem fähigsten Lektoren
zwischen dem Obergoms und der Westküste der Vereinigten Staaten.
Zwecks besserer Verdauung liess er von seiner Tochter ein Geheimrezept
in der Form eines äusserst gelungenen grafischen Konzeptes erarbeiten,
das die Wände seines literarischen Hungers umhüllen sollte und
es dem Leser als Schutzeinband nun ermöglicht, den verteufelten Wortsalat
als „Take-away-Gericht“ mitzunehmen, ohne sich die Finger
zu verbrennen.
Kurz und gut, das verrückte Projekt wurde nach anfänglichen
Startschwierigkeiten zur Wirklichkeit und liegt nun als wunderschöner
kleiner Band mit dem Titel „Brüchige Welten“ vor.
Philipp Mengis weiss jetzt noch nicht, was ihn in Zukunft alles erwartet,
weil er dem „anderen“ Freysinger, der wohl kaum anders kann
als das zu sein, was er schon immer war, als Geburtshelfer in seinen literarischen
Wehen zur Seite stand. Er wird die Beleidigungen der Pharisäer, das
Unverständnis der Verständnisvollen und die verschlossenen Minen
der Toleranten ertragen müssen.
Doch Philipp Mengis hat Mut. Und die nötigen Nerven. Einem Mann in
seinem Alter, sagt er immer, könnten Kritik, Ablehnung und Verdammung
nichts antun, was er sich nicht schon längst selber irgendwann angetan
hätte. Nun, mit seiner, der eines Dreissigjährigen vergleichbaren
Vitalität hat er ja seine Zukunft noch vor sich, um Zusatzerfahrungen
zu sammeln.
Jedenfalls sei ihm an diesem Ort von ganzem Herzen für die ausgezeichnete
Zusammenarbeit, seinen unerschütterlichen Glauben an meine Feder
und den unermüdlichen Einsatz im Dienste der Oberwalliser Literatur
gedankt.
Lieber Philipp, ich hoffe von ganzem Herzen, dass sich dieses Buchprojekt
auch finanziell lohnen wird, denn das Übrige ist schon über
alle Massen gelungen, nicht zuletzt die Aufmachung und das Design.
Jene von Ihnen, die übrigens zum finanziellen Erfolg beitragen möchten,
sollen doch bitte nicht versäumen, heute Abend vor dem Heimgehen
für ein bescheidenes Sümmchen ein Bändchen zu erstehen.
Als kostenlose Option wird ihnen die persönliche Widmung des Autors
angeboten.
Einen Dank auch an alle Mitarbeiter des Rottenverlags, die sich an der
Herausgabe meines Werkes verdient gemacht haben, jenen, die ich kenne,
wie Frau Tannast und Armin Karlen, sowie den vielen anderen, die im Schatten
gewirkt haben. Sie alle haben mir einen der schönsten Augenblicke
in meinem Leben geschenkt, den Augenblick, als ich, nach meinen Kindern
Fanny, Yoann und Laura mein viertes Baby in den Händen halten durfte.
Das war im Restaurant „Brasserie valaisanne“ und Philipps
Hände zitterten ein wenig, als er mir den ersten Band übergab,
sowie auch meine Hände vor Ergriffenheit zitterten, als ich kurz
darauf meinen Eltern das erste signierte Exemplar überreichen durfte.
Auch diesen, meinen Eltern möchte ich danken für all das, was
aufgrund Ihrer ausgezeichneten Erziehung aus mir wurde. Allein der „Blick“
weiss dies nicht zu würdigen und beleidigt euch zutiefst, indem er
einen Rattenschwanz von Beleidigungen an den Namen Freysinger bindet,
den ihr mir in Ehren weitergegeben habt. Nun, von Leuten, die nur in Latrinen
und Pissoirs nach der Wahrheit suchen, ist nicht viel anderes zu erwarten.
Der Blick ist übrigens aufgrund dieses Umstandes die einzige Zeitung
der Schweiz, zu deren Lektüre es nur vier Buchstaben braucht!
Doch Schluss damit und hin zum Werk, das heute Abend das Licht der Öffentlichkeit
erblickt.
Liebe Gäste, wir sind dabei, die Nabelschnur zwischen meinem Erstling
und mir zu durchschneiden. Das Werk gehört mir schon nicht mehr und
macht sich selbständig. In hunderten, hoffentlich sogar tausenden
von Köpfen wird es ein Eigenleben entwickeln, von mir nicht vorstellbare
Bilder und Gefühle auslösen. Noch in vielen Jahren wird es jedes
Mal wieder aufleben, sobald ein menschliches Auge sich seiner Seiten bemächtiget.
Es wird zu gewissen Zeiten in Vergessenheit geraten, vielleicht achtlos
auf die Seite gelegt werden, aber ich bin sicher, dass sein Inhalt Raum
und Zeit transzendiert, weil er das ewig Menschliche ausdrückt, weil
die dreissig Geschichten von „Brüchige Welten“ in Dimensionen
vorstossen, die nicht an eine bestimmte Zeit, an gewisse Moden oder an
den anekdotischen Teil meiner Existenz gebunden sind. Literatur übersteigt
ihren Schöpfer immer, muss ihn übersteigen, falls sie sich aus
der Versenkung des Nichtssagenden befreien und vogelgleich über dem
Schlammbad der Gemeinplätze schweben will.
Seit Jahrzehnten produziert unsere postmoderne Welt im Zuge der allgemeinen
Vermarktung des Menschlichen zahlreiche literarische Eintagsfliegen, „Bestseller“
im Harry-Potter-Stil, gewinnträchtige Oberflächlichkeiten. Auf
der anderen Seite versucht eine so genannte geistige Elite, diesem Trend
durch „Dekonstruktivismus“ entgegen zu wirken, was die literarische
Landschaft nach und nach in eine Mülldeponie verwandelt hat, auf
der nunmehr pseudo-kreative Geister versuchen, mit verkrampften Minen
die letzten, vor Restschaum überlaufenden Bierflaschen durch sprachliche
Verschleuderung zu zerschmettern, wenn sie nicht verrosteten, mit dem
Rotz der Hoffnungslosigkeit abgefüllten Konservenbüchsen unter
alles zermalmenden Fusssohlen den letzten kreativen Schleim auszuquetschen
bemüht sind.
Was bleibt, ist Leere. Godot hat gut warten. Selbst wenn man das geschrieben
Wort durch den Schmutz und die Gülle zieht, wird daraus kein Ersatz
für die Bild- und Fernsehkrankheit der sensationssüchtigen Moderne.
„Brüchige Welten“ ist der Versuch, im Scheitern des Menschen
selber eine Antwort auf dessen existentielle Fragen zu finden, der Versuch,
sprachlich zu einem Punkt vorzudringen, wo das Absurde in sich selbst
zusammenfällt, das Nichts aufhört nichts zu sein und etwas beginnt,
das höchstens angedeutet, schon gar nicht mehr umschrieben werden
kann, etwas, das alle Menschenschicksale miteinander verbindet.
Erlauben Sie mir an dieser Stelle, ein Zitat Hofmannthals aus dem Gedicht
„Manche freilich“ vorzulesen. Er schreibt:
„Viele Geschicke weben
neben dem meinen,
durcheinander spielt sie alle das Dasein,
und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.“
Das Scheitern der Menschen
in meinen Geschichten ist keineswegs auf die Absurdität der Existenz
zurückzuführen, sondern fast immer auf eine von Ihnen selbst
herauf beschwörte Tragik. Das Leben weist sie lediglich zurück
in ihre Schranken. So ist es mit jenem, der seiner Angst vor dem Absturz
durch Aufstapeln von Kisten unter seinen Füssen Herr werden will,
so ist es mit den Nazifunktionären, die am ovalen Tisch in Wannsee
Menschenzahlen subsumieren, mit dem Murmeljäger, der vor lauter Besitzwut
alles verliert und dem Filmer, der zwar sein Leben abfilmt, in seinen
Filmen jedoch selbst nicht vorkommen kann. Die zusammenfassende Formel
für diese Problematik beendet den Text „Vorahnungen“
und lautet: „Unvorhergesehen in der Vorsehung versinken“.
Der Mensch versucht immer wieder, sich mit seiner Ratio am Baum der Erkenntnis
hochzuziehen und hängt dann am Strick seines Logos, denkt überheblich
„Cogito ergo sum“ und vergisst zu bedenken, dass das, was
sein Gehirn übersteigt, dermassen überwältigend ist, dass
wohl Demut und Bescheidenheit die besseren Instrumente sind, um das Leben
zu bewältigen, als die sich selbst hochspielende Ratio. Seien wir
doch ehrlich: Was bedeuten denn schon Konzepte wie Objektivität und
Realismus? Meist haben sie in der Geschichte der Zivilisation nur dazu
gedient, die Menschheit im Namen der Rationalität zu entmenschlichen.
Gipfelt Hegels logisch unwiderlegbares Modell nicht im realen Kommunismus
und in gewissem Grad auch im Faschismus? Jeder von uns betrachtet doch
die Welt nur durch seine subjektiv gefärbte Brille, und jene, die
den Mund am meisten mit der sakrosankten Objektivität vollnehmen,
tragen wahrscheinlich die verzerrendste Hornbrille auf der Nase und versuchen
ihre Sicht als allein selig Machende und Realistische zu verkaufen. Dies
meist auf Kosten des „ewig Menschlichen“.
In „Brüchige Welten“ weist das Schicksal die menschliche
Hybris in ihre Schranken. Dort sind ungeschriebene Gesetze am Werk, deren
Gültigkeit die Grenzen der so genannten Realität sprengen, Gesetze,
die zwar ungeschrieben und nur über die persönliche Erfahrung
fassbar werden, deren Wirken jedoch immer wieder verkannt wird, obwohl
sie jeden unserer menschlichen Schritte wie Schatten begleiten. Doch wir
verbrennen unsere Augen an der Sonne unseres Intellekts, schenken dabei
den Schattengebilden, die sie scheinbar wirft, keine Beachtung und wundern
uns auch noch, dass wir verblendet über jeden Stein stolpern. Es
ist nämlich keineswegs so, dass die Schatten vom Licht abhängen.
Sie waren schon lange vor der Sonne da. Die Sonne schneidet nur Profile
darin aus und braucht auch noch materielle Widerstände dazu. Eigentlich
müssten wir umgekehrt vorgehen: Von den Schatten in Richtung auf
die realen Objekte und von dort auf das Licht der Ratio hin. Doch das
ist nur möglich, wenn wir den Anker unserer Überheblichkeit
lichten, unsere Beschränktheit zugeben und unser Wesen nicht einzig
und allein auf unsere Gehirnmasse reduzieren.
Wie, sie zweifeln an dieser Hinterfragung der uns heute noch bestimmenden
Grundeinstellung der Aufklärung?
Dann versuchen sie einmal, das Phänomen der Liebe zu definieren,
das Genie eines Mozart in Worte zu fassen!
Erklären Sie die Selbstaufopferung Korcaks in Auschwitz!
Probieren sie nur schon, im Verlauf des Liebesaktes an das zu denken,
was Sie da eben tun!
Sie sehen, schon ist es aus mit der Allmacht des Logos!
Nun, um sich darüber hinweg zu trösten bleibt Ihnen glücklicherweise
noch das Lachen, das in „Brüchige Welten“ auch nicht
zu kurz kommt.
Lesen Sie den Text „Ein stilles Örtchen“ vor allen anderen,
dann laufen Sie weniger Gefahr, den Autor und sich selber als Leser zu
ernst zu nehmen, denn das alles, mein Buch, die heutige Vernissage, der
Medienrummel, die heiligen Kühe unseres Lebens sind im Grunde nur
Projektionen, Illusionen, mit denen wir uns unbeholfen über Wasser
halten, weil wir immer wieder an unserer Tauchfähigkeit zweifeln
und uns die Tiefe des Lebensmeeres Angst einflösst. Dabei ist das
völlig ungerechtfertigt, besteht doch unser Körper zu 85% Prozent
aus Wasser. Aber eben, die restlichen 15% genügen, um uns das Leben
zu versauern.
Diese restlichen 15% bewirken, mit H2O vermischt, dass wir in der äusseren
Welt resolut alle Begrenzungen aus dem Weg zu räumen bemüht
sind, dabei aber stets neue Grenzen gegen das Unbegrenzte in uns selber
aufbauen. Dies, weil wir den Sinn für die Prioritäten verloren
haben, weil wir nur aufgrund dessen handeln, was uns unsere gefärbte
Brille vorspiegelt und nicht mehr auf den tief von innen kommenden Pulsschlag
des Lebens hören. Solange wir verkrampft an der Oberfläche der
Existenz herumschwimmen, erleiden wir Schiffbruch, solange wir davon träumen
Fische zu werden, laufen wir Gefahr, im Rachen der Haifische zu landen.
Würden wir endlich in Welle und Woge aufgehen wie ein Tropfen Wasser,
wir würden eins mit dem Meer des Unendlichen und entkämen der
Angst und dem Leiden.
„Brüchige Welten“ führt dem Leser die Irrungen des
menschlichen Willens an der Oberfläche des Lebens vor, zeigt die
dramatischen Folgen davon in erschreckender Deutlichkeit, deutet aber
eben dadurch auch Lösungsvorschläge an. Denn das Scheitern ist
nicht das Resultat der Absurdität unserer Existenz, einer Existenz,
die sehr wohl Sinn macht, nein, die Absurdität ist das Resultat unseres
Denkens und Handelns, die sich in ihrem eigenen Labyrinth verlieren.
So sind denn die dreissig vorliegenden Geschichten, trotz ihrer Unterschiedlichkeit,
auf geheimnisvolle Weise verbunden. Unsichtbare Fäden führen
von jeder davon ins Unfassbare, wo der grosse Sturm wirkt, den Rilke in
seinem Gedicht „der Schauende“ wie folgt beschreibt:
Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.
Wie ist das klein, womit wir
ringen,
was mit uns ringt, wie ist das gross;
liessen wir, ähnlicher den Dingen,
uns SO vom grossen Sturm bezwingen,-
wir würden weit und namenlos.
Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
WILL nicht von uns gebogen sein.
Sie sehen, auch Rilke war sich
der ungeschriebenen Gesetze des Lebens bewusst und wusste sie wie kein
anderer zu umschreiben.
Doch nun ist genug der kritischen
Analyse. Platz der Literatur. Zuerst werden Sie den Text „Heimkehr“
aus „Brüchige Welten“ hören, dann eine speziell
für den Abend verfasste Satire, die als Grundstein für ein künftiges
Buch betrachtet werden kann. Schliesslich ein Chanson, das ich eigens
für den heutigen Anlass komponiert habe. Dazwischen hören Sie
Suiten von Bach, die Ihnen Christelle Héritier aus Savièse
vortragen wird. Und ich möchte es an diesem Ort nicht versäumen,
ihr ganz herzlich dafür zu danken, dass Sie sich bereitwillig für
den heutigen Abend zur Verfügung gestellt hat.
Christelle, darf ich bitten.
Ihre
Meinung interessiert mich : Forum
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